Der Sprung


Es ist 19.00 Uhr und eine Knitterkälte. Siebzehn Jungen queren ein völlig zugefrorenes Feld. Einer schleppt ein Schlauchboot, andere die Paddel. Als wir den bewaldeten Hang hinunterklettern sind wir mucksmäuschenstill. Zerfallene Gebäude, in deren Schutz wir uns weiter wagen. Halt! Hat in der Nähe ein Hund angeschlagen? Wir treten in eine Baracke, in der verrostete Loren auf Gleisen stehen, beladen mit Schieferplatten. Durch ein Loch in der Rückwand schlüpfen wir in den Berg. Im Kerzenschein Loren, Eisenträger, die den Stollen abstützen, verwirrende Abzweigungen. Ein Loch im Boden gähnt sehr sehr tief. Je weiter wir vordringen, desto wärmer wird es. Ein Haufen Knochen. Zwei andere werden mit mir in einen Höhlenraum gebracht. Wir sprechen wenig und sind sehr gespannt. Sie verbinden einem von uns die Augen und führen ihn weg. Das Warten wird unerträglich. Dann bin ich dran. Irgendwann erkenne ich am veränderten Widerhall unserer Schritte, dass sich ein großer Höhlenraum aufgetan haben muss. Getuschel. Ich ziehe mich aus. Jemand übergießt mich mit Wasser. Man bedeutet mir, mich in einer bestimmten Ausrichtung auf einen bestimmten Fleck zu stellen. Die Augenbinde wird gelöst. Vollständige Finsternis, so weit ich die Augen auch aufreiße. Atemlose Stille. Nein, da tropft irgendwo Wasser, näher und ferner. Alles dreht sich, da ich überhaupt keine Orientierung habe. Ich scheine in einem endlosen schwarzen Raum zu schweben. Ich will kopfüber nach vorne springen. Mit jeder Sekunde wächst meine Angst, ich fühle mich schrecklich verloren. Ein großes Durcheinander ist in meinem Kopf. Aber ich weiß, dass ich den anderen vertrauen kann. Ich löse mich von meinem Fleck und hänge ewige Augenblicke in der schwarzen Luft. Ich tauche ganz unter in schwarzes Nass. Ich sehe einen schwachen Widerschein vor mir und schwimme darauf zu. Dort sind die anderen, ziemlich erleichtert, mit einem Handtuch und mit meinen Klamotten. Ich lache die ganze Zeit, stolz wie Oskar und froh wie ein König. Ich fühle mich außen und innen gereinigt. Einer summt die Melodie eines Taizéliedes. Wir löschen das Licht und werden schnell vielstimmig in diesem Felsendom. Dann erkunden wir den See mit dem Boot. Als wir nach vielen Stunden ins Freie treten, schlägt uns beißende Kälte und Schneegestöber entgegen. Morgen werden wir die Jahreswende auf dem Phoenixhof feiern.